Erzähle mir von deinen Hühnern

 In Kurzgeschichten

Also, ich habe zu Hause Hühner und einen Hahn. Der Hahn heisst Theo.

Die Hühner heissen Hüehnli und Huehn und Stella. Stella,so wie du meine liebe Freundin.

Die Hühner legen fast jeden Tag ein Ei. Und das sind die besten Eier die ich jemals gegessen habe. Der Hahn beschützt seine Hühner. Er weis immer wo sie sind und was sie tun. Wenn er etwas sieht auf dem Boden das wie etwas essbares ausschaut, dann macht er verrückte Geräusche um die Hühner an zu locken. Die Hühner dürfen zuerst fressen. Theo wartet schön brav bevor es auch anfängt kräftig auf dem Boden herum zu picken.

Jeden Morgen weckt uns Theo mit seinem noch etwas wackligen ge-kikeriki.

Weist du, der Theo ist noch ein sehr junger Hahn. Er ist sechs Monate alt.

Theo und seine drei Hühner sind bei mir zu Hause aus den Eiern geschlüpft.

Sieh mal, ich habe ein Foto von Theo. Er hat sein halbes Ei noch auf dem Kopf kleben.

Liebe Freundin, du weist nicht, dass ich dir diese Geschichte heute vier mal erzählt habe, sonst würdest du mich nicht schon wieder darum bitten, dir von meinen Hühnern zu erzählen.

Aber ich tue es gerne. Immer und immer wieder von vorn und dann noch mal. Das ist es was ich tun kann für dich.

Du bist sehr, sehr krank.

Heute bist du in deinem Bett gelegen wie ein Häufchen Elend und voller Scherzen. Mir starren Augen und einem Blick wie ich ihn sonst nicht kenne, leer und traurig und ohne jegliches Licht, schaust du mich an und bemühst dich, mir etwas mit zu teilen. Ich kann dich nicht verstehen. Jedenfalls deine Worte nicht. Geduldig warte ich bis deine Wünsche bei mir verständlich ankommen.

Du möchtest,dass ich zu dir ins Bett liege und dich festhalte. Du hast fast keine Kraft, um mir dies zu sagen. Und ich brauche auch noch so lange, um dich zu verstehen.

Ich lege eine CD in den Player und drücke auf Start. Sanfte Musik erklingt und ich hole eine Wolldecke und lege mich zu dir ins Bett.

Du bist sehr, sehr krank.

Langsam und mit der Zeit immer schneller bist du immer kranker und kranker geworden. Unaufhaltsam hat dich die Krankheit schwach und immer schwächer gemacht.

Du hast nie mit mir darüber geredet.

Du möchtest, dass ich näher zu dir rücke und dich festhalte. Aber alles schmerzt. Wie soll ich dich festhalten? Du bist so unglaublich mager. Da sind nur noch Knochen mit Haut bespannt. Das muss ja weh tun.

Wo soll ich meine Hand hinlegen?

Sanft und langsam versuche ich es dir in deinem Elend und dem Schmerz etwas bequemer zu machen. Ein kleines Bisschen Gemütlichkeit in diese furchtbar traurige Situation zu bringen.

Ich fühle mich auf eine Art seltsam berührt. Die Zeit die ich mit dir verbringe hat keine Minuten oder Stunden. Die Zeit mit dir findet in einer anderen Wirklichkeit statt. In einer Wirklichkeit die weder hier und jetzt ist und auch nicht dort und irgendwann. Ein seltsames Gefühl durchflutet mich. Ich streichle deine dünn gewordenen Haare.

Du bist sehr, sehr krank.

Eine schreckliche Krankheit frisst dich auf.

Du hast nie mit mir darüber geredet. Du wolltest nicht krank sein. Hast so getan, als ob gar nichts sei.

Liebe Freundin, mit dieser Krankheit kannst du so etwas nicht tun. Die ist zu gros um sie zu übersehen. Zu stark, um ohne Hilfe zu kämpfen und sie einfach weg zu denken. Sie ist zu schnell, um nicht noch schneller zu reagieren.

In deinem Gesicht kann ich den Ausdruck von quälendem Schmerz sehen.

Du tust mir leid, aber ich glaube, dass möchtest du nicht.

Da liegen wir zusammen in diesem Bett und die Musik erfüllt dem Raum mit schönen Klängen. Du beruhigst dich ein wenig.

Nach einer Weile werden wir behutsam in diese andere Wirklichkeit getragen, in der es keine Minuten und Stunden gibt. Dort, wo alles seine gemeinten Werte verliert. Dorthin, wo es nicht mehr darauf ankommt. Wo nichts ist wie es zu sein scheint. Wie auf unsichtbaren Händen getragen werden wir durch diese Wirklichkeit geschaukelt. Alles ist nun still. Die Musik hat aufgehört zu spielen.

Ein Frühlingsvogel singt etwas verschlafen sein Lied.

Du bist sehr krank.

Du hast nie mit mir darüber geredet. Ich habe das Spiel der Ahnungslosen Freundin mitgespielt. Irgendwie habe ich die Regeln verstanden.

Du hast nach mir gefragt, wolltest, das ich komme.

Da bin ich. Schön.

In dieser Wirklichkeit, wo nichts mehr eine Rolle spielt, liegen wir zusammen in deinem Bett. Du bist ganz schrecklich krank. Ich halte deinen dünnen und kranken Körper und fühle mich seltsam berührt von dieser Situation. Ich schliesse die Augen und Verabschiede mich im Geiste von dir.

Du wirst bald sterben. Werde ich bei dir sein? Vielleicht.

Vor ein paar Wochen haben wir noch zusammen getanzt. Du bist meine Lehrerin. Ich habe viel gelernt bei dir. Es tut weh, dich nicht mehr tanzen zu sehen.

Deine wunderbare Musik werde ich immer bewundern und sie mir immer wieder anhören. Das ist ein schönes Geschenk an die Welt von dir. Danke.

Wir liegen noch immer da, umgeben von diesem unbeschreiblichen Gefühl einer schwerelosen Welt, in der alles was ist nicht mehr dasselbe ist.

Irgendwie ist das wunderschön.

Es gibt keine Zukunft im hier und jetzt. Deshalb gibt es nichts mehr zu sagen.

Und falls es etwas zum sagen webe, in welche Zeitform wäre das? Die gibt es gar nicht. Die muss noch erfunden werden.

Ja wirklich, wie redet frau mit einer Sterbenden die in einem Bett liegt das sie nicht mehr lange braucht? Eine Menschin, die des neuen Tages Sonne nicht mehr sehen wird.

Etwas nervös sehne ich mich nach einem Ende. Nach einem letzten Atemzug meiner lieben Freundin. Es ist so hart sie leiden zu sehen und besser wird nichts mehr. Es gibt schon länger keine Hoffnung mehr auf eine Besserung oder Heilung.

Ja, es mag pessimistisch klingen, ist aber eifach die Wahrheit. Mir ist schon lange klar, das es kein Kraut und keine Rübe gibt die Wunder vollbringen kann.

Wunder im Sinne von einer Heilung einer tödlichen Krankheit.

Auch wenn es manche sagen, ich glaube es nicht.

Noch immer bin ich in diesem eigenartigen Zustand. Eine Art Schwerelosigkeit.

Du liegst neben mir. Ich halte dich sanft, so sanft es nur geht und trotzdem jammerst du leise vor dich hin. Was beschäftigt dich in deinen letzten Stunden?

Oder hast du nur noch Schmerzen?

Leise und fast unbemerkt kommt eine Katze und legt sich auf den Stuhl in deinem Zimmer. Bald kommt die andere auch und legt sich auf den Boden neben deinem Bett. Ich glaube, sie wollen sich auch von die Verabschieden.

Du hattest in den letzten Tagen und seit ein paar Wochen immer wieder Besuch von deiner Mutter und von deinem Bruder. Voller Freude hast du mir davon erzählt. Deine Mutter und dein Bruder sind schon lange gestorben. Sie haben dich aus dem Himmel besucht. Schön.

Liebe Freundin. Ich weis das du Morgen nicht mehr da sein wirst.

Du musst nicht mehr lange kämpfen. Du hast gar keine Kraft mehr zum kämpfen.

Der Tod wird dich heute Nacht abholen und dich mitnehmen.

Du wirst weggehen für Voyage sans Retour. Ein Engel wird dir einen Kuss geben und dich an einen geheimnisvollen Ort mitnehmen.

Good by liebe Freundin

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